Sind alte Gemüsesorten besser?

Aug 4, 2020ErnährungsAntworten

Sind alte Gemüsesorten «gesünder»?

Sommer, Sonne… und Tomaten. Kaum ein Gemüse wird mehr mit der warmen Jahreszeit in Verbindung gebracht als Tomaten, besonders, wenn es um Geschmack geht. «Wässrig» heisst es da oft im Rest des Jahres. «Köstlich» stattdessen dieser Tage, zur Hauptsaison. In einem anderen Kontext werden Tomaten ebenfalls gerne genannt, stellvertretend für jedes andere Gemüse. Das Stichwort ist «alte Sorten». Das Argument: Alte Gemüsesorten seien gesünder als neue Gemüsesorten. Aber stimmt das überhaupt?

In kurz: Ja und nein. Alte Sorten benötigen weniger Pestizide, deswegen sind sie meist reicher an sekundären Pflanzenstoffen. Der Nährstoffgehalt neuer Sorten ist trotzdem OK.

In lang: Es ist ein bisschen kompliziert. Tatsächlich sind «neue Gemüsesorten», also Gemüsezüchtungen jüngeren Datums, keineswegs ärmer an Nährstoffen als ihre «alten» Kollegen. Die Krux liegt einmal mehr im Anbau: alte Sorten werden oft in ihrem ursprünglichen Umfeld gepflanzt, also unter Bedingungen, die für ihr Wachstum ideal sind. Die «Berner Rose» zum Beispiel, eine alte Schweizer Tomatensorte, ist bestens an das hiesige Klima angepasst. Anders als moderne Züchtungen aus Italien, die unter Hitze gedeihen, dafür aber den Schweizer Sommer nicht vertragen. Wächst Gemüse unter ungeeigneten Bedingungen, ist die einzelne Pflanze anfälliger für Krankheiten und Schädlinge. Um dem entgegen zu wirken, kommen Pestizide zum Einsatz, also Behandlungsmittel, die die Pflanze schützen sollen. Tatsächlich aber verfügen Pflanzen über Mechanismen, ihre «eigenen» Pestizide herzustellen. Zusammengefasst werden diese Stoffe unter dem Namen «sekundäre Pflanzenstoffe». Sie haben für den Menschen oft eine positive Wirkung, ein prominentes Beispiel ist Beta-Carotin (eine Vorstufe von Vitamin A). Hier gewinnen die alten Sorten: Da sie in der Regel in einem idealen Umfeld wachsen, können sie sich selbst schützen, und zwar durch die Herstellung von sekundären Pflanzenstoffen. Moderne Sorten hingegen wachsen oftmals unter suboptimalen Bedingungen (zum Beispiel auf ausgelaugten Böden in Monokultur). Sie sind auf eine externe Behandlung mit Pestiziden abgewiesen. Infolgedessen bilden sie nicht ihre eigenen Schutzstoffe aus… und sind im Vergleich ärmer an sekundären Pflanzenstoffen als alte Sorten. Trotzdem sind sie noch immer reich an anderen wertvollen Inhaltsstoffen (hallo, Vitamine!). Zudem können sich diese Sorten unter geeigneten Bedingungen ebenfalls selbst schützen… und stehen dann den alten Sorten in nichts mehr nach.  Alte Sorten sind somit nicht zwingend «gesünder» als neue Sorten. Wie gesagt: Es ist ein bisschen kompliziert.